Warum Zyklen existieren – und warum Profis anders mit ihnen umgehen

Warum Zyklen existieren – und warum Profis anders mit ihnen umgehen

20 Monate nach dem Halving

Wir befinden uns aktuell im 20. Monat nach dem letzten Bitcoin-Halving, bald im 21. Historisch ist das keine Phase großer Überraschungen, sondern eine Phase der Reife. Interesse flacht ab, Kapital wird selektiver, Narrative werden dichter.

Gleichzeitig hört man immer häufiger:

Die Bitcoin-Zyklen existieren nicht mehr.

Diese Aussage taucht bemerkenswert oft genau dann auf, wenn ein Zyklus bereits weit fortgeschritten ist.


Die Grundthese

Kapital ist die Ursache. Narrative sind die Erklärung.

Märkte bewegen sich nicht primär wegen Ereignissen, sondern weil:

  • Erwartungen erfüllt sind
  • Kapital seine Aufgabe erledigt hat
  • neue Käufer fehlen
  • Risiko und Ertrag nicht mehr im Verhältnis stehen

Ereignisse wie FTX, Regulierung oder Makro liefern meist erst im Nachhinein die Geschichte, mit der Kursbewegungen erklärt werden.


Warum es keinen Grund braucht, damit Kurse fallen

Ein Markt muss nicht scheitern, um zu drehen. Es reicht, wenn er reif ist.

  • Jeder, der kaufen wollte, ist investiert
  • Positive Erwartungen sind eingepreist
  • Zusätzliche Narrative erzeugen keine neue Nachfrage

In dieser Phase beginnt Kapital, sich leise zurückzuziehen. Nicht aus Panik, sondern aus Rationalität.


Kapital denkt nicht ideologisch

Kapital fragt nicht:

Glaube ich noch daran?

Sondern:

Ist mein Ziel erreicht und wie geht es risikoärmer weiter?

Genau hier trennt sich Narrativ-Denken von Kapital-Management.


Der Unterschied zwischen Anfänger und Profi

Viele Bitcoin-Investoren kommen erstmals über Bitcoin überhaupt mit Investieren in Berührung. Sie kennen:

  • keine anderen Marktzyklen
  • keine großen Drawdowns außerhalb von Krypto
  • keine Vermögensverwaltung jenseits eines Assets

Für sie ist Bitcoin:

  • Einstieg
  • Identität
  • Weltbild

Das erklärt die Absolutheit vieler Aussagen:

  • Fiat ist wertlos
  • Wer verkauft, hat es nicht verstanden
  • Alles andere ist Zeitverschwendung

Diese Perspektive ist nicht falsch, aber unvollständig.


Erwartung erfüllt heißt nicht Überzeugung verloren

Ein erfahrener Anleger denkt anders.

Beispiel:

  • Start: 100000
  • Ziel: 1000000
  • Ziel erreicht

Ab diesem Punkt ändert sich die Fragestellung fundamental.

Nicht mehr:

Wie hole ich noch mehr Rendite aus Bitcoin?

Sondern:

Warum sollte ich jetzt noch extremes Risiko tragen?

Ein Verfuenffacher oder Verzehnfacher ist außergewöhnlich. Aber ab einer gewissen Vermögensgröße reicht oft schon:

  • 8 bis 10 Prozent Rendite
  • breit gestreut
  • über Zeit

um das nächste Ziel zu erreichen.


Die nüchterne Rechnung

  • 1000000 zu 2000000 ist langfristig auch mit moderatem Risiko erreichbar.
  • 1000000 zu 100000 nach einem 90 Prozent Drawdown bedeutet:
  • Zeitverlust
  • psychologischen Stress
  • erneutes Eingehen von Risiko

Für Profis ist das kein heroisches Szenario, sondern ein unnötiges.


Warum hohe Volatilität für kleine Beträge sinnvoll sein kann

Das bedeutet nicht, dass es falsch ist, Bitcoin weiter zu halten.

Im Gegenteil:

Wer:

  • 5000 oder 10000 investiert hat
  • regelmäßig nachkaufen kann
  • einen langen Horizont hat

für den ist ein 80 bis 90 Prozent Rückgang:

  • unangenehm
  • aber kein existenzielles Ereignis

In dieser Größenordnung wird Volatilität zum Akkumulationsmechanismus.

Drawdowns sind dann:

  • Einstiegsfenster
  • kein Vermögensbruch
  • Teil der Strategie

Risiko ist relativ zur Kapitalgröße

Das ist der entscheidende Punkt:

  • Kleine Summen wachsen oft durch Risiko
  • Große Summen überleben durch Kontrolle

Beide Strategien sind rational, aber nicht gleichzeitig für dieselbe Kapitalgröße.

Der Fehler entsteht erst, wenn man dieselbe Risikologik auf 5000 und auf 1000000 anwendet.


Bitcoin-Jahreszeiten: Beschreibung, nicht Ursache

Oft wird über Bitcoin in Jahreszeiten gesprochen:

  • Bitcoin-Fruehling
  • Bitcoin-Sommer
  • Bitcoin-Herbst
  • Bitcoin-Winter

Ja, auch das ist ein Narrativ. Aber ein beschreibendes, kein erklaerendes.

Jahreszeiten beantworten nicht die Frage, warum etwas passiert. Sie helfen lediglich, wiederkehrende Marktphasen einzuordnen.


Der Bitcoin-Winter ist kein Ereignis

Der Bitcoin-Winter entsteht nicht, weil:

  • Bitcoin gescheitert ist
  • ein bestimmtes Ereignis eingetreten ist
  • das Narrativ falsch war

Sondern weil:

  • Kapital seinen Zweck erfuellt hat
  • Aufmerksamkeit abwandert
  • Volatilitaet nicht mehr belohnt wird

Der Winter ist die Phase, in der kein neues Kapital mehr nachrueckt.


Jahreszeiten folgen dem Kapital, nicht umgekehrt

Nicht:

Es ist Winter, also faellt der Preis.

Sondern:

Kapital zieht sich zurueck, also fuehlt es sich wie Winter an.

Der Winter ist die emotionale Wahrnehmung einer Phase, in der:

  • Narrative nicht mehr tragen
  • Volumen austrocknet
  • Diskussionen verschwinden

Warum Anfaenger Winter hassen und Profis sie erwarten

Fuer neue Investoren ist der Bitcoin-Winter:

  • frustrierend
  • langweilig
  • emotional belastend

Fuer erfahrene Investoren ist er:

  • erwartbar
  • kalkulierbar
  • strukturell notwendig

Ohne Winter keine Bereinigung. Ohne Bereinigung keine Akkumulation. Ohne Akkumulation kein neuer Zyklus.


Fazit

Bitcoin ist ein aussergewoehnliches Asset. Aber kein Asset hebt die Grundregeln von Kapitalmanagement auf.

  • Akkumulation braucht Risiko
  • Vermoegenserhalt braucht Pragmatismus
  • Narrative erklaeren Maerkte, sie bewegen sie nicht

Oder anders gesagt:

Maerkte drehen nicht, wenn der Glaube endet. Sie drehen, wenn das Kapital fertig ist.