Warum ich heute 98 % Cash halte – und warum das eine bewusste Strategie ist
Die letzten Monate waren für mich eine Phase des klaren Neuordnens.
Ich war über Jahre in risikoreiche Titel investiert – unter anderem MicroStrategy, eine Aktie, die extreme Schwankungen mitbringt und große Gewinne, aber auch große Verluste produzieren kann. Irgendwann habe ich bewusst entschieden, diese Positionen zu schließen und in Berkshire Hathaway umzuschichten. Ein konservativerer Hafen, der mich ruhiger schlafen lässt.
Doch parallel wuchs ein anderer Gedanke:
Wenn ich mir künftig die Option offenhalten möchte, Deutschland irgendwann vielleicht zu verlassen – sei es für ein paar Jahre oder dauerhaft –, dann brauche ich einen Broker, der weltweit funktioniert. Eine Volksbank ist für so etwas nicht gemacht. Interactive Brokers hingegen erlaubt es, einfach den Wohnsitz zu ändern und sofort den steuerlichen Rahmen des neuen Landes zu nutzen. Ohne Depotübertrag, ohne Hürden.
Damit stellte sich die Frage: Wie gehe ich mit meiner Berkshire-Position bei der Hausbank um?
Sie war leicht im Plus. Und ich weiß aus Erfahrung, dass Depotüberträge zu IB oft fehleranfällig sind oder wochenlang dauern. Also habe ich die Position verkauft, die geringe Abgeltungssteuer akzeptiert und wollte das Geld sauber zu IB überweisen.
Was viele nicht wissen:
Wenn man bei einer Hausbank Aktien verkauft, wird der Betrag zwar sofort im Konto angezeigt, aber bewegen kann man ihn erst, wenn der Verkauf gesettelt ist. In meinem Fall lagen zwischen Buchungstag und Wertstellung vier Tage. Sichtbar war das Geld sofort – tatsächlich überweisbar aber erst nach Abschluss des Settlement-Prozesses.
Rückblickend war genau diese Verzögerung hilfreich.
Sie hat mich davor bewahrt, impulsiv direkt wieder zu investieren. In diesen Tagen habe ich mich gefragt, ob das derzeitige Marktumfeld wirklich zu einem sofortigen Wiedereinstieg einlädt.
Ich lese täglich Meldungen über rückläufige Auftragseingänge, Insolvenzen, Baukrisen und eine globale wirtschaftliche Abkühlung. Viele Unternehmen kämpfen gleichzeitig mit hohen Zinsen, schwacher Nachfrage und strukturellen Veränderungen. Die Märkte wirken fragiler, als viele wahrhaben wollen.
In so einer Phase akzeptiere ich lieber, dass ich die ersten 10–15 % einer kommenden Rally verpasse, als dass ich die ersten 30 % eines möglichen Abschwungs voll mitnehme.
Deshalb halte ich heute 98 % Cash.
Ein Gedanke, der mir in diesem Prozess bewusst geworden ist: Die Wahrnehmung von Cash verändert sich mit den Jahren. Als junger Anleger will man fast immer zu 100 Prozent investiert sein. Man hat das Gefühl, jede Woche ohne Aktien sei verlorene Rendite. Gleichzeitig zahlt man regelmäßig Geld ein, wodurch Rücksetzer sogar hilfreich sind – man kauft automatisch günstiger nach.
Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem man nicht mehr monatlich spart und der eigene Cash-Bestand eine Größenordnung erreicht, die ein völlig anderes Gefühl erzeugt. Dann verschwindet der innere Druck, ständig investiert sein zu müssen. Man erkennt, dass Liquidität kein Renditeverlust ist, sondern Stabilität, Freiheit und Geduld ermöglicht. Und plötzlich fühlt sich das Warten nicht mehr wie ein Risiko an, sondern wie eine bewusste Entscheidung.
Mein Plan für 2026 ist klar:
Ich werde wieder voll investieren – aber nicht impulsiv, sondern gestaffelt. Ich werde mir Zeit lassen, Positionen Stück für Stück aufzubauen. Vielleicht mache ich zwischendurch kleine Testkäufe für ein paar hundert oder tausend Euro, um ein „Bein in der Tür“ zu haben und den Markt zu beobachten. Drückt die Position deutlich ins Minus, kann ich weiter nachkaufen.
Für mich ist Cash kein Stillstand.
Cash ist eine Option.
Eine Möglichkeit, geduldig zu bleiben, bis der Markt mir ein Angebot macht, das ich annehmen möchte.
Und genau dafür ist jetzt der richtige Moment.