Warum ein Aktienverkauf fast immer der falsche Klick ist

Warum ein Aktienverkauf fast immer der falsche Klick ist
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Ein Gedankenexperiment über Kapital, Schulden und den teuersten Button im Depot

Viele Menschen denken bei Vermögensaufbau an Rendite.
Die entscheidendere Frage ist aber eine andere:

Wie vermeide ich es, mein eigenes Kapital zu zerstören?

Ich habe das selbst erst wirklich verstanden, nachdem ich rund 130.000 Euro Abgeltungssteuer gezahlt habe.
Nicht auf dem Papier – echtes Geld. Weg. Für immer.

Und genau daraus ist diese Denkweise entstanden.


Schritt 1: Den Kapitalbedarf realistisch denken

Stellen wir uns ein bewusst einfaches, fiktives Beispiel vor.

  • Ich brauche 20.000 Euro netto pro Jahr zum Leben
  • Planungshorizont: 5 Jahre
  • Kapitalbedarf: 100.000 Euro

Wichtig:
Ich plane nicht von Monat zu Monat, sondern in Blöcken.

Nicht:
„Wie komme ich nächsten Monat an Geld?“
Sondern:
„Wie sichere ich die nächsten fünf Jahre?“


Schritt 2: Liquidität ohne Verkauf erzeugen

Ich gehe zur Bank und sage:

  • Mein Aktiendepot ist 5 Millionen Euro wert
  • Ich möchte einen Kredit über 100.000 Euro
  • Besicherung: mein Depot
  • Laufzeit: 5 Jahre
  • Keine monatliche Tilgung
  • Keine monatliche Zinszahlung
  • Der Kredit wird endfällig zurückgezahlt

Das bedeutet:

  • Fünf Jahre lang habe ich keinen Kontakt mit der Bank
  • Ich weiß exakt: > In fünf Jahren schulde ich 100.000 Euro plus Zinsen
  • Das Geld steht mir sofort zur Verfügung
  • Ich kann damit leben, planen, strukturieren

Vielleicht parke ich einen Teil auf Tagesgeld, um Freibeträge zu nutzen.
Vielleicht nicht.
Das Entscheidende ist: Ich musste keine Aktie verkaufen.


Schritt 3: Fünf Jahre später – was ist passiert?

Nehmen wir an, die Börse lief gut.
Kein unrealistisches Szenario, sondern ein ganz normales Marktumfeld.

  • Mein Depot war: 5 Mio
  • Nach fünf Jahren: 10 Mio

Jetzt kommt der entscheidende Punkt.

Ich tilge den Kredit nicht, indem ich Aktien verkaufe.
Denn genau das will ich vermeiden.

Stattdessen mache ich Folgendes:


Schritt 4: Kredit rollieren statt verkaufen

Ich plane die nächsten fünf Jahre neu.

  • Inflation berücksichtigt
  • Neuer Kapitalbedarf: 120.000 Euro
  • Alter Kredit: 100.000 Euro + Zinsen

Ich nehme einen neuen Kredit auf, der:

  • den alten Kredit vollständig ablöst
  • mir zusätzlich die 120.000 Euro für die nächsten fünf Jahre liefert

Ja, der absolute Schuldenbetrag ist jetzt höher.

Aber:

  • Mein Depot ist von 5 auf 10 Millionen gewachsen
  • Die Beleihungsquote bleibt niedrig
  • Relativ zum Vermögen sind die Schulden sogar kleiner geworden

Der entscheidende Gedanke: Linear vs. exponentiell

Hier liegt das eigentliche Aha-Erlebnis.

  • Schulden wachsen linear
  • Kreditbetrag
  • Zinsen
  • gut planbar
  • Kapital wächst exponentiell
  • Unternehmensgewinne
  • Reinvestitionen
  • Zinseszins

Wir Menschen können linear gut denken.
Exponentielles Wachstum unterschätzen wir systematisch.

Genau hier entsteht der Vorteil.

Solange ich mich nicht überhebele, kann ich dieses Prinzip theoretisch immer wieder fortführen.

Nicht, weil es ein Trick ist –
sondern weil Mathematik so funktioniert.


Der eigentliche Trick ist keiner: Steuern vermeiden

Der entscheidende Punkt ist nicht der Kredit.

Der entscheidende Punkt ist: Ich habe kein steuerliches Ereignis ausgelöst.

Denn in dem Moment, in dem ich im Depot auf „Verkaufen“ klicke, passiert Folgendes:

  • Abgeltungssteuer
  • Solidaritätszuschlag
  • eventuell Kirchensteuer
  • eventuell höhere Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge
  • dauerhaft weniger Kapital
  • dauerhaft weniger Zinseszins

Diese Kaskade ist nicht kontrollierbar.
Sie läuft automatisch.

Ein Kredit tut das nicht.


Warum Zinsen weniger gefährlich sind als Steuern

Zinsen haben Eigenschaften, die Steuern nicht haben:

  • sie sind zeitlich begrenzt
  • sie sind kalkulierbar
  • sie lassen das Kapital intakt
  • sie sind teilweise steuerlich nutzbar

Steuern sind:

  • endgültig
  • irreversibel
  • nicht hebelbar
  • nicht investierbar

Deshalb zahlen Vermögende lieber Zinsen als Steuern.


Die eigentliche Faustregel

Aus dieser Denkweise ergibt sich eine einfache Regel:

Vermeide unter allen Umständen ein steuerliches Ereignis im Aktiendepot.

Nicht aus Geiz.
Sondern aus Rationalität.

Das bedeutet auch:

  • Ich halte nur Assets, die ich niemals verkaufen will
  • Ich trenne strikt zwischen:
  • Kapitalstock
  • Liquiditätsbedarf
  • Ich plane in Jahren, nicht in Monaten

Fazit

Der größte Fehler vieler Privatanleger ist nicht mangelnde Rendite.
Es ist der reflexartige Verkauf.

Steuern auf Aktienverkäufe zerstören nicht nur Vermögen –
sie zerstören Zeit.

Wer das einmal verstanden hat, stellt sich nicht mehr die Frage:

„Wie viel Steuern zahle ich beim Verkauf?“

Sondern:

„Warum sollte ich überhaupt verkaufen?“