Warum sich der wirtschaftliche Abschwung weiter beschleunigt – wenn Leistung politisch entwertet wird
Ausgangspunkt der aktuellen Debatte ist eine Aussage von SPD-Chef Lars Klingbeil. Auf einer Klausurtagung der SPD-Bundestagsfraktion kritisierte er laut einem Bericht der WELT, dass große Vermögen in Deutschland häufig nahezu steuerfrei vererbt würden. Dies widerspreche dem Leistungsprinzip und sei ungerecht gegenüber Menschen, die trotz lebenslanger Arbeit keinen nennenswerten Vermögensaufbau erreicht hätten.
Die SPD kündigt deshalb an, sehr hohe Erbschaften künftig stärker zu besteuern.
Diese Position klingt auf den ersten Blick plausibel. Tatsächlich offenbart sie jedoch einen grundlegenden Denkfehler – mit weitreichenden Folgen für Motivation, Investitionen und die wirtschaftliche Substanz des Landes.
1. Der zentrale Irrtum: Steuern wirken nicht rückwärts, sondern nach vorn
Die politische Argumentation richtet sich faktisch gegen bereits entstandene Vermögen. Gegen Lebensleistungen, die abgeschlossen sind. Doch Steuersysteme verändern nicht die Vergangenheit – sie verändern Verhalten in der Zukunft.
Der entscheidende Adressat einer solchen Debatte ist nicht der Erbe.
Es ist der Unternehmer, der heute entscheidet:
- ob er weiter expandiert
- ob er Arbeitsplätze schafft
- ob er Risiken eingeht
- oder ob er sich zurückzieht
Und genau an dieser Stelle kippt der Anreiz.
2. Wenn sich die Frage ändert, ist das Spiel vorbei
Solange galt ein unausgesprochener Gesellschaftsvertrag:
Wer Leistung bringt, Unternehmen aufbaut und Verantwortung trägt, darf die Ergebnisse dieser Leistung behalten und weitergeben.
Dieser Vertrag war der Grund, warum viele Unternehmer weitergearbeitet haben, obwohl sie es finanziell längst nicht mehr mussten. Arbeit war Sinn, Identität und Spielfeld – nicht bloß Einkommen.
Wenn jedoch signalisiert wird, dass das Ergebnis unternehmerischer Leistung politisch problematisch ist, stellt sich eine neue Frage:
Warum soll ich mein Unternehmen weiter ausbauen,
wenn es am Ende nicht einmal in der Familie bleiben darf?
Ab diesem Moment wird nicht mehr optimiert, um zu wachsen – sondern um zu entkommen.
3. Vom Aufbau zur Absicherung
Der gefährlichste Effekt ist nicht Steuervermeidung, sondern Verhaltensänderung.
Sobald Vermögen als politisches Risiko wahrgenommen wird, passiert Folgendes:
- Expansion wird vermieden
- Sichtbarkeit wird reduziert
- Unternehmen werden bewusst kleiner gehalten
- Kapital wird nicht investiert, sondern abgesichert
Das Kapital verschwindet nicht. Es wird nur unproduktiv.
Es arbeitet nicht mehr für Innovation, Arbeitsplätze oder Wachstum.
Das Ergebnis sind sinkende Steuereinnahmen – trotz höherer Steuersätze.
4. Kapital ist mobil – Loyalität nicht
Große Vermögen sind nicht ortsgebunden.
Sie folgen Rechtssicherheit, Planbarkeit und einem Mindestmaß an Anerkennung.
Fehlen diese Faktoren, wird nicht protestiert, sondern ausgewichen:
- Gründungen finden im Ausland statt
- Unternehmen werden früher verkauft
- Vermögen wird international strukturiert
- Investitionen werden verlagert
Das geschieht leise und rational – nicht ideologisch.
5. Der kritische Punkt: Wenn die Steuermoral kippt
Deutschland lebt nicht von Zwang, sondern von freiwilliger Regelakzeptanz.
Hohe Steuern wurden bezahlt, weil das System als legitim empfunden wurde.
Doch diese Legitimität ist kein Naturgesetz.
Wenn selbst staatstreue, regelkonforme Menschen beginnen, Steuern und Abgaben als unfair zu empfinden, ändert sich die innere Haltung.
Ab diesem Punkt:
- wird Umgehung moralisch legitimiert
- wird Leistung reduziert
- wird der Staat nicht mehr als Partner, sondern als Gegner gesehen
Dieser Vertrauensverlust lässt sich nicht durch strengere Gesetze reparieren.
6. Warum am Ende nicht die „Eliten“, sondern die Mitte zahlt
Ein schrumpfendes Land steht vor einem fiskalischen Problem:
Wenn Leistungsträger sich zurückziehen und Steuereinnahmen nicht steigen, entsteht Druck.
Dieser Druck lässt sich nicht dauerhaft bei den Hochvermögenden abladen.
Denn:
- große Vermögen reagieren früh
- sie sind mobil
- sie entziehen sich dem Zugriff zuerst
Zurück bleibt die immobilere Gruppe:
- Eigentümer abbezahlter Bestandsimmobilien
- Menschen mit Altersvorsorge im Beton
- die wirtschaftliche Mitte
Was als Besteuerung der „Eliten“ beginnt, endet zwangsläufig bei der breiten Bevölkerung. Nicht aus Böswilligkeit, sondern aus Notwendigkeit.
7. Fazit
Wohlstand lässt sich verteilen – aber nur, wenn er vorher entsteht.
Eine Politik, die Leistung moralisch problematisiert, zerstört nicht Reichtum, sondern die Bereitschaft, ihn überhaupt noch zu schaffen. Der wirtschaftliche Abschwung beschleunigt sich nicht durch einzelne Steuern, sondern durch den Verlust von Motivation, Vertrauen und innerer Bindung.
Wenn Unternehmer innerlich kündigen, bleibt kein Verteilungsproblem – sondern ein Strukturproblem.
Und dieses Problem trifft am Ende genau jene, die glauben, außen vor zu bleiben.