Vermögens-Resilienz: Warum ich begonnen habe, international zu denken

Vermögens-Resilienz: Warum ich begonnen habe, international zu denken
Photo by Anton Lukin / Unsplash

(Gedankenexperiment – keine Empfehlung, kein Alarmismus)

1. Warum ich überhaupt umgedacht habe

Der Ukraine-Konflikt hat mich in den letzten Jahren zunehmend zum Umdenken gebracht.
Nicht wegen einzelner Schlagzeilen, sondern wegen seiner Dauer.

Seit etwa 2014 rumort es dort. Zehn Jahre später ist der Konflikt noch immer nicht beendet.
Solche Entwicklungen schwelen oft lange, verändern schrittweise politische Haltungen und führen dazu, dass Maßnahmen, die früher undenkbar gewesen wären, plötzlich als normal gelten.

Was mich dabei besonders nachdenklich gemacht hat, ist eine aktuelle politische Diskussion in Deutschland:
Es wird offen darüber gesprochen, eingefrorene russische Vermögenswerte für Ukraine-Hilfen zu nutzen
(n-tv: „Merz will russisches Vermögen in Deutschland für Ukraine-Hilfen nutzen“).

Unabhängig davon, wie man diesen Krieg politisch bewertet – und ausdrücklich unabhängig davon, auf welcher Seite man moralisch steht – stellt sich für jeden Investor eine nüchterne Frage:

Was bedeutet es für den Finanzstandort Europa, wenn staatliches Handeln beginnt, Eigentumsrechte geopolitisch zu interpretieren?

Als Kapitalmarktteilnehmer denkt man nicht in Freund-Feind-Schemata, sondern in Rechtsrahmen, Verlässlichkeit und Präzedenzfällen.

Das Einfrieren von Vermögenswerten ist bereits ein außergewöhnlicher Schritt.
Die Diskussion über deren Verwendung ist ein weiterer.
Solche Entwicklungen verändern Risikowahrnehmungen – selbst dann, wenn man sie politisch nachvollziehbar findet.

Vertrauen ist die zentrale Währung jedes Finanzsystems.
Wenn dieses Vertrauen Schaden nimmt, bleibt das nicht folgenlos.


2. Der erste Schritt: Raus aus der nationalen Abhängigkeit

Diese Überlegungen waren der Grund, warum ich mein Depot vorsorglich von einem rein nationalen Broker zu einem internationalen Broker verlagert habe.

Nicht aus Angst.
Sondern aus dem Wunsch nach Optionalität.

Ein Depot bei einer Sparkasse, Volksbank oder einem anderen nationalen Broker ist zwangsläufig an ein Land gebunden – rechtlich, regulatorisch und politisch.
Ein internationaler Broker wie Interactive Brokers (oder auch andere globale Anbieter wie Charles Schwab) ist anders aufgestellt.

Das Depot ist:

  • weltweit erreichbar
  • nicht auf eine einzelne Jurisdiktion beschränkt
  • international strukturiert

Solche Broker ermöglichen es, unabhängig vom Wohnsitz mit denselben Assets zu arbeiten.
Das ist ein fundamentaler Unterschied zu rein nationalen Setups.


3. Steuerliche Realität: Ansässigkeit schlägt Staatsbürgerschaft

Ein Punkt wird in öffentlichen Debatten oft missverstanden:

Besteuert wird nicht die Staatsbürgerschaft, sondern die steuerliche Ansässigkeit.

Wer Deutschland sauber verlässt und seinen steuerlichen Lebensmittelpunkt in ein anderes Land verlegt, unterliegt dort den geltenden Regeln – mit allen Rechten und Pflichten.

Einige Länder nutzen eine territoriale Besteuerung.
Das bedeutet: Besteuert werden nur Einkünfte, die im Land selbst entstehen.

Ausländische Kapitalerträge wie:

  • Aktienverkäufe
  • Dividenden aus dem Ausland
  • Zinsen aus ausländischen Wertpapieren

bleiben steuerfrei.


4. Warum Paraguay als Beispiel taugt

Paraguay ist kein politisches Statement, sondern ein steuerliches Beispiel.

  • territoriales Steuersystem
  • keine Besteuerung ausländischer Aktiengewinne
  • keine Besteuerung ausländischer Dividenden

Für Menschen, die:

  • von ihrem Aktienvermögen leben
  • oder Dividenden als Einkommensquelle nutzen

ist das ein klarer und transparenter Rahmen.

Hinzu kommt:

  • geografische Distanz zu Europa
  • geringe Lebenshaltungskosten
  • pragmatische Aufenthaltsregelungen
  • alltagstaugliche Infrastruktur in der Region Gran Asunción

Paraguay wird in diesem Szenario zum Heimathafen, nicht zum Endpunkt.


5. Bewegungsfreiheit trotz steuerlichem Wohnsitz

Ein steuerlicher Wohnsitz bedeutet nicht räumliche Bindung.

Hat man:

  • ein Apartment
  • eine lokale Steuernummer
  • den Lebensmittelpunkt sauber definiert

kann man dennoch reisen:

  • mehrere Monate im Ausland verbringen
  • Familie in anderen Ländern besuchen
  • zeitweise in den USA oder anderswo leben

Man ist steuerlich verortet – nicht eingesperrt.


6. Der praktische Ablauf (vereinfacht)

In Deutschland

  • Haus verkaufen
  • Möbel verkaufen, verschenken oder mitgeben
  • Abmeldung beim Einwohnermeldeamt
    → entscheidender Schritt
    → Ende der unbeschränkten Steuerpflicht

In Paraguay

  • visumfreie Einreise als Tourist
  • Land kennenlernen
  • Anwalt beauftragen
  • Anmeldung & Steuernummer beantragen

Auch bei 0 % Steuer auf ausländische Kapitalerträge besteht Erklärungspflicht.
Das ist kein Schlupfloch, sondern normales Steuerrecht.


7. Cash-Management: Das T-Bills-Prinzip

Nach einem Immobilienverkauf liegt Kapital zunächst häufig in Euro vor.

Ein mögliches Setup:

  • Überweisung zu Interactive Brokers
  • Kauf von US-Wertpapieren

Interactive Brokers ist multiwährungsfähig.
Beim Kauf von US-Aktien oder US Treasury Bills (T-Bills) erfolgt die Währungsumrechnung automatisch im Hintergrund.

Was sind T-Bills?

  • kurzlaufende Schuldscheine des US-Staates
  • Laufzeiten von wenigen Wochen bis maximal etwa einem Jahr
  • Kauf mit Abschlag (z. B. 99 → Rückzahlung 100)

Die Rendite liegt auf Jahresbasis aktuell bei etwa 4–5 %.

T-Bills:

  • sind jederzeit verkaufbar
  • laufen automatisch aus
  • funktionieren wie verzinstes Cash

Nicht ohne Grund parken institutionelle Investoren – darunter auch Warren Buffett – große Summen in diesen Instrumenten.


8. Alltag und Übergangsphase

Der Alltag lässt sich unabhängig vom lokalen Bankkonto organisieren:

  • Vermögen bei einem internationalen Broker
  • Ausgaben über Multi-Währungskonten (z. B. Wise)
  • Debit- oder Kreditkarten weltweit nutzbar
  • lokales Konto später, ohne Zeitdruck

9. Fazit

Dieser Artikel ist keine politische Positionierung.
Er ist auch kein Alarmismus.

Er zeigt lediglich, dass es legitime, rechtlich saubere Möglichkeiten gibt, sich finanziell unabhängiger von einzelnen Staaten aufzustellen – insbesondere dann, wenn politische Entwicklungen das eigene Sicherheitsgefühl beeinträchtigen.

Optionen zu haben bedeutet nicht, ein Land abzulehnen.
Es bedeutet, nicht gezwungen zu sein, Teil jeder Entwicklung zu bleiben.

Oder anders gesagt:

Kapital sucht Stabilität, nicht Moral.