Länger arbeiten – für wen eigentlich?
Bundesbank-Chef Joachim Nagel forderte jüngst in der Welt ein Umdenken:
„Wir müssen länger arbeiten, um uns den Wohlstand zu erhalten, den die Generationen nach dem Krieg aufgebaut haben.“
— WELT.de, 3. November 2025
Die Botschaft klingt vernünftig – aber sie ignoriert die ökonomische Realität vieler Menschen:
Warum sollte jemand mehr arbeiten, wenn der Staat jeden zusätzlichen Euro zur Hälfte kassiert?
Das deutsche Steuerparadoxon
Schauen wir uns zwei Extreme an:
| Szenario | Einkommen p.a. | Netto nach Steuern & Abgaben | Netto-Quote |
|---|---|---|---|
| Teilzeit / 12.000 € | 12.000 € | ca. 9.600 € | 80 % |
| Vollzeit / 120.000 € | 120.000 € | ca. 60.500 € | 50 % |
(Berechnungsgrundlage: Steuerjahr 2025, alleinstehend, gesetzlich versichert, keine Kinder, keine Kirchensteuerbefreiung)
Der Geringverdiener arbeitet etwa 10 Stunden pro Woche, zahlt kaum Steuern, bekommt eventuell Wohngeld und lebt relativ ruhig.
Der Gutverdiener dagegen arbeitet 12 bis 15 Stunden am Tag, trägt Verantwortung, Stress und Bürokratie – und darf zusehen, wie die Hälfte seines Einkommens verschwindet.
Die Lohnsteuer als Arbeitsschutzsteuer
Beim Alkohol oder bei Nikotin ist es klar:
Die Steuer soll abschrecken – weniger Konsum, weniger Schaden.
Beim Arbeiten scheint der Staat das ähnlich zu sehen.
Je mehr du arbeitest, desto mehr wirst du besteuert.
Die Lohnsteuer wirkt wie eine staatlich verordnete Bremse gegen Fleiß.
Die Ironie:
- Wer sich kaputt arbeitet, zahlt bis zu 60 Prozent Abgaben.
- Wer sich bewusst zurücknimmt, lebt fast steuerfrei und bekommt Zuschüsse.
Die paradoxe Konsequenz
-
Mehr Arbeit lohnt sich kaum.
Zwischen 12.000 € und 120.000 € Brutto liegt ein Faktor 10 – aber netto bleiben nur 6-fach mehr übrig. -
Das System bestraft Eigeninitiative.
Wer produktiv ist, finanziert den Rest. Wer passiv bleibt, wird belohnt. -
Politisch entsteht eine Schieflage.
Wenn Arbeit kaum noch „rentiert“, wird die Forderung nach „längerem Arbeiten“ zur Farce.
Der stille Rückzug
Immer mehr Menschen erkennen intuitiv, dass der „Lebensfreibetrag-plus-Zuschuss-Modus“ finanziell effizienter ist.
Ein Beispiel:
| Position | Monatlich | Zusatz |
|---|---|---|
| Teilzeitjob (1.000 € Brutto) | ~800 € Netto | +300 € Wohngeld = 1.100 € Gesamt |
| Vollzeitjob (10.000 € Brutto) | ~5.000 € Netto | keine Zuschüsse = 5.000 € Gesamt |
Der Unterschied: 10× mehr Arbeit – 4,5× mehr Netto.
Hinzu kommen Bürokratie, Steuern, Stress, Verantwortung.
Rational betrachtet ist der Anreiz, „länger zu arbeiten“, gering.
Wer ist „wir“?
Wenn Politiker oder Notenbanker heute von „uns“ sprechen, klingt das wie aus einer anderen Zeit.
Früher war „wir“ eine arbeitende Mitte, die Leistung erbrachte und davon leben konnte.
Heute ist „wir“ ein abstraktes Konstrukt:
Steuerzahler auf der einen Seite, Empfänger auf der anderen – und eine wachsende Bürokratie dazwischen, die das System verwaltet.
Das „wir“ gibt es in dieser Form längst nicht mehr.
Es gibt nur noch Gruppen mit völlig unterschiedlichen Interessen:
die, die arbeiten – und die, von deren Arbeit leben.
Ein System, das sich selbst untergräbt
Deutschland steht vor einer demografischen Herausforderung – das ist unbestritten.
Doch wer fordert, dass Menschen länger arbeiten, muss auch erklären, warum sich das überhaupt lohnen soll.
Solange das Steuer- und Abgabensystem Leistung bestraft, wird jeder Appell zur „Wettbewerbsfähigkeit“ zur Moralpredigt ohne Wirkung.
Quellen
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Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank, in:
„Wettbewerbsfähigkeit: Bundesbank-Chef fordert längeres Arbeiten – ‚Wir müssen uns ehrlich machen‘“ – WELT, 3. Nov 2025 -
Eigene Berechnungen auf Basis der Einkommensteuer-Grundtabelle 2025, Bundesfinanzministerium
Fazit
Die deutsche Lohnsteuer ist längst zur Arbeitsschutzsteuer geworden.
Sie schützt Menschen nicht vor Überlastung, sondern hält sie ganz elegant davon ab, überhaupt mehr zu arbeiten.
Am Ende geht es im Leben ohnehin immer um dasselbe:
Jeder möchte Millionär werden.
Der eine ist Zeitmillionär – der andere Abgabenmillionär.
Und das „wir“, von dem Politiker so gerne sprechen?
Das hat längst aufgehört zu existieren.