Gegen Kritik kann man sich wehren. Gegen Lob nicht. Und deshalb werde ich misstrauisch, sobald der Staat anfängt, mich zu loben.
Warum moderne Politik weniger überzeugt und mehr erzieht – und wie eine simple Wallbox meinen Blick geschärft hat.
Einleitung: Wenn Politik den Tonfall wechselt
Es gibt politische Veränderungen, die man nicht in Gesetzen erkennt, sondern im Umgangston.
Der Philosoph Axel Honneth beschreibt, dass moderne Gesellschaften Konflikte zunehmend moralisch austragen. Nicht mehr Argumente, sondern Anerkennung und Ausschluss steuern das Verhalten.
Die Autorin Pauline Voss hat diese Entwicklung auf Wokeness übertragen: Eine neue Form politisch-moralischer Pädagogik, die tief in das alltägliche Leben hineinwirkt.
Ich habe für mich gemerkt, wie real dieser Mechanismus ist – durch ein unscheinbares Beispiel aus meinem eigenen Alltag.
Der Wallbox-Moment
Vor einigen Jahren installierte ich eine Wallbox.
Preis: rund 900 Euro.
Mein Stromanbieter schenkte sie mir.
Dazu kam eine staatliche Förderung – ebenfalls rund 900 Euro.
Damals war das an keinerlei Bedingung geknüpft.
Man musste kein Elektroauto besitzen.
Man musste nicht einmal glaubhaft versichern, dass man irgendwann eines kaufen will.
Ich fahre bis heute kein Elektroauto.
Die Wallbox hängt seit fünf Jahren ungenutzt im Carport.
Für mich war das eine rein ökonomische Entscheidung:
Strom brauchte ich im Carport ohnehin, also warum die Wallbox nicht mitnehmen, wenn sie nichts kostet?
Dann kam das Schreiben, das mich stutzig machte.
Das Dankeschreiben, das mich irritierte
Kurz nach der Installation erhielt ich Post:
„Wir bedanken uns, dass Sie an der Energiewende teilnehmen.“
Ich erinnere mich genau an den Moment.
Ich saß da und dachte: Wieso bedankt ihr euch?
Ich habe nichts „für die Energiewende“ getan.
Ich habe nicht einmal ein Elektroauto.
Ich habe eine geförderte Steckdose an die Wand schrauben lassen.
Diese Art von moralischem Lob wirkte auf mich wie pädagogische Ansprache.
Nicht wie ein neutraler Vorgang zwischen Staat, Bürger und Technik.
Es war, als wolle man mir Rollen zuschreiben, in denen ich mich wiederfinden soll:
Der „Teilnehmer an der großen Transformation“.
Da wurde mir bewusst, wie subtil politische Erziehung funktioniert.
Moralische Anerkennung als Steuerungsinstrument
Honneths Theorie liefert dafür eine präzise Erklärung:
Wer über Anerkennung verfügt, verfügt über Macht.
Anerkennung ist ein Instrument der Verhaltenslenkung.
Die moderne Politik nutzt diese Mechanik intensiv:
- Technische Entscheidungen werden moralisch aufgeladen.
- Bürger sollen sich nicht nur entscheiden, sondern sich „richtig“ fühlen.
- Zustimmung wird emotionalisiert, nicht rational erzeugt.
Pauline Voss zeigt, wie aus solchen Mechanismen ein System wird, das nicht mehr politisch argumentiert, sondern erzieherisch lobt und sozial sanktioniert.
Man wird nicht überzeugt – man wird „angeleitet“.
Staatliche Förderung ohne Nutzungspflicht: Ein ökonomischer Irrtum
Rückblickend ist es fast grotesk:
Eine Förderung wurde ausgezahlt, ohne dass klar war, ob die Wallbox jemals genutzt wird.
Keine Bedingung, kein Nachweis, kein Auto, kein Bedarf.
Ein Jahr später wurde die Regel verschärft:
Man musste ein Elektroauto besitzen oder nachweisen.
Das zeigt, wie chaotisch diese Programme häufig geplant sind – und wie sehr sie vom Wunsch getrieben werden, politische Signale zu senden, statt reale Nutzung zu fördern.
Für mich war das ein Ökonomie-Lehrstück:
Förderprogramme, die moralisch motiviert sind, führen oft zu Fehlallokation.
Man subventioniert nicht Technologie – man subventioniert Haltungen.
Die leise Parallele zu DDR-Mechanismen
Die DDR ehrte Bürger mit Orden wie „Held der Arbeit“.
Formal ging es um Leistung.
Real ging es um Loyalität.
Heute sind wir natürlich weit davon entfernt.
Aber der Mechanismus ist vergleichbar:
Moralische Anerkennung dient als politischer Katalysator.
Der neue Staat arbeitet nicht mit Zwang, sondern mit Wohlwollen.
Nicht mit Strafe, sondern mit Lob.
Das Ergebnis ist ein ebenso wirksamer sozialer Druck – nur ungleich schwerer zu kritisieren, weil er positiv verpackt wird.
Das eigentliche Problem für eine marktwirtschaftliche Gesellschaft
Moralische Politik verzerrt Märkte.
Sie schafft künstliche Anreize, die weder Angebot noch Nachfrage widerspiegeln.
Drei Effekte sind besonders gefährlich:
- Investitionsentscheidungen folgen der Förderung, nicht der Logik.
Eine unbenutzte Wallbox ist das perfekte Symbol. - Technik wird mit Tugend verwechselt.
Nicht Effizienz, sondern moralische Konnotation entscheidet. - Politische Steuerung ersetzt Eigenverantwortung.
Bürger sollen nicht analysieren, sondern mitmachen.
Für eine freie Ökonomie ist das Gift.
Fazit: Ökonomie braucht Klarheit, nicht Erziehung
Ich habe aus dieser Episode einen simplen Satz mitgenommen:
Sobald Politik anfängt, mich zu loben, werde ich misstrauisch.
Nicht weil ich gegen Technik bin.
Nicht weil ich gegen Wandel bin.
Sondern weil ich Entscheidungen treffen möchte, die sich auf Fakten stützen, nicht auf moralische Deutungshoheit.
Erziehung ist Sache der Eltern.
Nicht des Staates – und schon gar nicht der Energieversorger.
Eine reife Gesellschaft braucht Bürger, die Entscheidungen aus Überzeugung treffen, nicht aus pädagogischer Erwartungshaltung.
Ökonomische Entscheidungen müssen ökonomisch bleiben.
Nicht moralisch aufgeladen.
Nicht politisch gefärbt.
Nicht emotional gesteuert.