Eigentum, Verwahrung und die Illusion vom sicheren Asset

Eigentum, Verwahrung und die Illusion vom sicheren Asset
Photo by Alexander Grey / Unsplash

Von Papieraktien über Gold bis Bitcoin – ein Gedankenexperiment über Kontrolle und Staatenrisiken

Viele Anleger stellen sich Eigentum heute noch so vor, wie es früher war:
Man kauft etwas – und es gehört einem. Physisch. Greifbar. Kontrollierbar.

In der Realität gilt das für Vermögen kaum noch.
Nicht, weil es verboten wäre, sondern weil sich die Struktur von Eigentum verändert hat.

Um zu verstehen, warum es heute kein „perfekt sicheres“ Asset mehr gibt – und warum dennoch Diversifikation sinnvoll bleibt –, lohnt sich ein Blick zurück.


1. Papieraktien: Als Eigentum und Besitz identisch waren

Bis vor wenigen Jahrzehnten existierten Aktien als Papierurkunden.

Wer die Urkunde besaß, war der Eigentümer.
Besitz und Eigentum fielen zusammen.

Papieraktien funktionierten ähnlich wie Bargeld:

  • keine Verwahrstelle
  • kein Broker
  • keine Clearingstelle
  • kein Register

Man konnte sie:

  • im Tresor lagern
  • weitergeben
  • vererben
  • anonym halten

Papieraktien waren die letzte Form von Aktienbesitz, bei der Eigentum nicht über ein System vermittelt wurde, sondern direkt ausgeübt wurde.


2. Warum dieses System verschwunden ist

Papieraktien waren:

  • langsam
  • teuer
  • diebstahlgefährdet
  • ungeeignet für globale Märkte

Mit wachsendem Handel setzte sich Effizienz durch:

  • Entmaterialisierung
  • elektronische Register
  • Sammelverwahrung

Damit änderte sich etwas Grundlegendes: Eigentum wurde vom Besitz getrennt.


3. Heute: Sammelverwahrung als globaler Standard

Moderne Aktien werden nahezu überall über Sammelverwahrung gehalten.

In Deutschland:

  • Giro-Sammelverwahrung

Das bedeutet:

  • Der Broker hält einen großen Gesamtbestand
  • Dein Anteil wird dir buchhalterisch zugeordnet
  • Du hast einen Rechtsanspruch, keinen physischen Besitz

Auch bei US-Brokern ist es wirtschaftlich Sammelverwahrung – nur in einer anderen rechtlichen Ausprägung.

Das ist kein Makel, sondern Voraussetzung für funktionierende Kapitalmärkte.


4. US-Aktien und Verwahrketten

Ein wichtiger Punkt wird oft übersehen: Deutschland verwahrt keine US-Aktien.

US-Aktien liegen immer bei der US-Zentralverwahrung (DTC, New York).

Je nach Broker unterscheidet sich nur die Verwahrkette:

  • deutscher Broker: mehr Intermediäre
  • US-Broker: kürzere Kette

Aber:

Das Asset bleibt immer an einen Staat gebunden.

5. Staatenrisiko lässt sich nicht eliminieren

Egal ob Aktie, Anleihe oder Bankguthaben: Man kann Staatenrisiken verschieben, aber nicht abschaffen.

Wenn Europa kippt, ist ein ausländischer Broker vorteilhaft.
Wenn die USA kippen, kann ein inländischer Broker durch Reibung Vorteile bieten.

Man weiß nicht, welches Szenario eintritt.


6. Sachwerte: Gold, Kunst, Immobilien

Deshalb rücken Sachwerte ins Blickfeld.

Gold

Gold hat besondere Eigenschaften:

  • kein Schuldversprechen
  • keine Gegenpartei
  • physisch verwahrbar

Historisch war Gold kein Krisenasset, sondern ein Überlebensasset. Es half, Diktaturen und Systembrüche zu überstehen – nicht, sie sichtbar zu handeln.

Aber:

  • Goldkäufe sind heute registriert
  • anonyme Kaufgrenzen wurden massiv gesenkt
  • Vermögensnachweise sind rückverfolgbar

Gold ist nicht unsichtbar – nur weniger liquide.


Kunst und andere Sachwerte

Auch Gemälde oder Sammlerstücke lassen sich selbst verwahren.

Aber:

  • sperrig
  • lageranfällig
  • schwer teilbar
  • illiquide

Sachwerte speichern Vermögen – sie ersetzen kein Geld.


7. Bitcoin: Kein perfektes Asset – aber ein anderes

Bitcoin wird oft als „ultimatives Asset“ bezeichnet.
Das greift zu kurz.

Bitcoin ist:

  • kein Anspruch
  • kein Sachwert
  • kein Versprechen

Bitcoin ist ein Eigentumsprotokoll.

Seine Besonderheit:

  • keine Verwahrstelle
  • keine Sammelverwahrung
  • kein Emittent
  • kein Register im klassischen Sinn

Aber:

  • auch Bitcoin ist heute nicht anonym
  • Kauf, Börsen, Wallets sind zunehmend meldepflichtig
  • auch hier kann staatlicher Druck entstehen

Bitcoin ist nicht unsichtbar – aber direkt kontrollierbar.


8. Der gemeinsame Nenner: Der Staat weiß heute fast alles

Der entscheidende Punkt ist nicht Bitcoin oder Gold.

Der Punkt ist:

Digitale Gesellschaften sind Datenbanken.
  • Grundstücke stehen im Grundbuch
  • Aktien in Registern
  • Bankguthaben in Systemen
  • Goldkäufe in Meldedatenbanken
  • Bitcoin-Transaktionen in öffentlich analysierbaren Blockchains

Vermögensregister sind keine Verschwörung, sondern eine logische Folge.

In Zukunft wird Vermögen:

  • erfasst
  • bewertet
  • vergleichbar
  • potenziell besteuerbar – auch ohne Verkauf

9. Eine kleine Anekdote

Ein ehemaliger Arbeitskollege erzählte mir einmal: Seine Mutter verstarb mit über 90 Jahren. Erst danach erfuhr er, dass sie mehrere Goldbarren besaß – offenbar über Generationen weitergegeben.

Kein Register. Keine Kaufbelege. Keine Datenbank.

Das war möglich, weil das System damals noch analog war.

Diese Welt existiert heute nicht mehr.


10. Was folgt daraus?

Es gibt heute kein Asset mehr, das:

  • anonym
  • skalierbar
  • liquide
  • staatenfrei
  • dauerhaft unsichtbar ist

Aber es gibt Unterschiede in:

  • Zugriffspfaden
  • Reibung
  • Kontrolle
  • Selbstverwahrung

Fazit: Nicht das perfekte Asset, sondern die richtige Mischung

Es geht nicht darum, das eine „sichere“ Asset zu finden.
Das gibt es nicht mehr.

Es geht darum:

  • Risiken zu streuen
  • Zugriffspunkte zu verteilen
  • Strukturen zu mischen

Ein bisschen:

  • internationales Depot
  • physisches Gold
  • selbstverwahrter Bitcoin
  • klassische Vermögenswerte

Nicht aus Misstrauen.
Sondern aus strukturellem Realismus.


Bullish One
Gedanken über Kapital, Eigentum und langfristige Strukturen