Eigentum, Verwahrung und die Illusion vom sicheren Asset
Von Papieraktien über Gold bis Bitcoin – ein Gedankenexperiment über Kontrolle und Staatenrisiken
Viele Anleger stellen sich Eigentum heute noch so vor, wie es früher war:
Man kauft etwas – und es gehört einem. Physisch. Greifbar. Kontrollierbar.
In der Realität gilt das für Vermögen kaum noch.
Nicht, weil es verboten wäre, sondern weil sich die Struktur von Eigentum verändert hat.
Um zu verstehen, warum es heute kein „perfekt sicheres“ Asset mehr gibt – und warum dennoch Diversifikation sinnvoll bleibt –, lohnt sich ein Blick zurück.
1. Papieraktien: Als Eigentum und Besitz identisch waren
Bis vor wenigen Jahrzehnten existierten Aktien als Papierurkunden.
Wer die Urkunde besaß, war der Eigentümer.
Besitz und Eigentum fielen zusammen.
Papieraktien funktionierten ähnlich wie Bargeld:
- keine Verwahrstelle
- kein Broker
- keine Clearingstelle
- kein Register
Man konnte sie:
- im Tresor lagern
- weitergeben
- vererben
- anonym halten
Papieraktien waren die letzte Form von Aktienbesitz, bei der Eigentum nicht über ein System vermittelt wurde, sondern direkt ausgeübt wurde.
2. Warum dieses System verschwunden ist
Papieraktien waren:
- langsam
- teuer
- diebstahlgefährdet
- ungeeignet für globale Märkte
Mit wachsendem Handel setzte sich Effizienz durch:
- Entmaterialisierung
- elektronische Register
- Sammelverwahrung
Damit änderte sich etwas Grundlegendes: Eigentum wurde vom Besitz getrennt.
3. Heute: Sammelverwahrung als globaler Standard
Moderne Aktien werden nahezu überall über Sammelverwahrung gehalten.
In Deutschland:
- Giro-Sammelverwahrung
Das bedeutet:
- Der Broker hält einen großen Gesamtbestand
- Dein Anteil wird dir buchhalterisch zugeordnet
- Du hast einen Rechtsanspruch, keinen physischen Besitz
Auch bei US-Brokern ist es wirtschaftlich Sammelverwahrung – nur in einer anderen rechtlichen Ausprägung.
Das ist kein Makel, sondern Voraussetzung für funktionierende Kapitalmärkte.
4. US-Aktien und Verwahrketten
Ein wichtiger Punkt wird oft übersehen: Deutschland verwahrt keine US-Aktien.
US-Aktien liegen immer bei der US-Zentralverwahrung (DTC, New York).
Je nach Broker unterscheidet sich nur die Verwahrkette:
- deutscher Broker: mehr Intermediäre
- US-Broker: kürzere Kette
Aber:
Das Asset bleibt immer an einen Staat gebunden.
5. Staatenrisiko lässt sich nicht eliminieren
Egal ob Aktie, Anleihe oder Bankguthaben: Man kann Staatenrisiken verschieben, aber nicht abschaffen.
Wenn Europa kippt, ist ein ausländischer Broker vorteilhaft.
Wenn die USA kippen, kann ein inländischer Broker durch Reibung Vorteile bieten.
Man weiß nicht, welches Szenario eintritt.
6. Sachwerte: Gold, Kunst, Immobilien
Deshalb rücken Sachwerte ins Blickfeld.
Gold
Gold hat besondere Eigenschaften:
- kein Schuldversprechen
- keine Gegenpartei
- physisch verwahrbar
Historisch war Gold kein Krisenasset, sondern ein Überlebensasset. Es half, Diktaturen und Systembrüche zu überstehen – nicht, sie sichtbar zu handeln.
Aber:
- Goldkäufe sind heute registriert
- anonyme Kaufgrenzen wurden massiv gesenkt
- Vermögensnachweise sind rückverfolgbar
Gold ist nicht unsichtbar – nur weniger liquide.
Kunst und andere Sachwerte
Auch Gemälde oder Sammlerstücke lassen sich selbst verwahren.
Aber:
- sperrig
- lageranfällig
- schwer teilbar
- illiquide
Sachwerte speichern Vermögen – sie ersetzen kein Geld.
7. Bitcoin: Kein perfektes Asset – aber ein anderes
Bitcoin wird oft als „ultimatives Asset“ bezeichnet.
Das greift zu kurz.
Bitcoin ist:
- kein Anspruch
- kein Sachwert
- kein Versprechen
Bitcoin ist ein Eigentumsprotokoll.
Seine Besonderheit:
- keine Verwahrstelle
- keine Sammelverwahrung
- kein Emittent
- kein Register im klassischen Sinn
Aber:
- auch Bitcoin ist heute nicht anonym
- Kauf, Börsen, Wallets sind zunehmend meldepflichtig
- auch hier kann staatlicher Druck entstehen
Bitcoin ist nicht unsichtbar – aber direkt kontrollierbar.
8. Der gemeinsame Nenner: Der Staat weiß heute fast alles
Der entscheidende Punkt ist nicht Bitcoin oder Gold.
Der Punkt ist:
Digitale Gesellschaften sind Datenbanken.
- Grundstücke stehen im Grundbuch
- Aktien in Registern
- Bankguthaben in Systemen
- Goldkäufe in Meldedatenbanken
- Bitcoin-Transaktionen in öffentlich analysierbaren Blockchains
Vermögensregister sind keine Verschwörung, sondern eine logische Folge.
In Zukunft wird Vermögen:
- erfasst
- bewertet
- vergleichbar
- potenziell besteuerbar – auch ohne Verkauf
9. Eine kleine Anekdote
Ein ehemaliger Arbeitskollege erzählte mir einmal: Seine Mutter verstarb mit über 90 Jahren. Erst danach erfuhr er, dass sie mehrere Goldbarren besaß – offenbar über Generationen weitergegeben.
Kein Register. Keine Kaufbelege. Keine Datenbank.
Das war möglich, weil das System damals noch analog war.
Diese Welt existiert heute nicht mehr.
10. Was folgt daraus?
Es gibt heute kein Asset mehr, das:
- anonym
- skalierbar
- liquide
- staatenfrei
- dauerhaft unsichtbar ist
Aber es gibt Unterschiede in:
- Zugriffspfaden
- Reibung
- Kontrolle
- Selbstverwahrung
Fazit: Nicht das perfekte Asset, sondern die richtige Mischung
Es geht nicht darum, das eine „sichere“ Asset zu finden.
Das gibt es nicht mehr.
Es geht darum:
- Risiken zu streuen
- Zugriffspunkte zu verteilen
- Strukturen zu mischen
Ein bisschen:
- internationales Depot
- physisches Gold
- selbstverwahrter Bitcoin
- klassische Vermögenswerte
Nicht aus Misstrauen.
Sondern aus strukturellem Realismus.
Bullish One
Gedanken über Kapital, Eigentum und langfristige Strukturen