Deutschland zwischen Eros und Thanatos
Warum unsere Gesellschaft sich selbst zerlegt – und was wir daraus lernen können
Der österreichische Psychiater und Neurowissenschaftler Rafael Bonelli spricht in einem aktuellen Interview über ein beunruhigendes Phänomen: Er vergleicht die derzeitige Stimmung in Deutschland mit einer biologischen Zelle, die sich selbst abschaltet.
In der Biologie nennt man diesen Prozess Apoptose – den programmierten Zelltod. Bonelli sieht in der gesellschaftlichen Zerrissenheit, dem Hass und der Zerstörungswut unserer Zeit eine psychologische Parallele dazu.
1. Der Todestrieb in der Gesellschaft
Bonelli greift auf Sigmund Freud zurück, der den Todestrieb – den sogenannten Thanatos – als Gegenkraft zum Lebensprinzip Eros beschrieb.
Während Eros verbindet und aufbaut, will Thanatos zerstören, trennen und vernichten.
Nach Bonellis Diagnose scheint Deutschland heute vom Thanatos-Prinzip erfasst: vom Wunsch, zu negieren, zu spalten und zu entwerten – bis hin zur Selbstauflösung.
Diese Dynamik zeigt sich in der politischen Kultur, in sozialen Medien und im Umgang miteinander.
Aggression ist dabei nicht mehr produktiv, sondern toxisch geworden.
Statt konstruktiver Auseinandersetzung erleben wir eine Art kulturelle Autoimmunreaktion: die Gesellschaft richtet sich gegen sich selbst.
2. Wenn Emotion die Vernunft verdrängt
„Wenn wir ein Thema emotionalisieren, schalten wir den Kopf aus“, sagt Bonelli.
Das bedeutet: Statt Reiz – Nachdenken – Reaktion folgt heute oft nur noch Reiz – Reaktion.
Was früher überlegt, diskutiert oder abgewogen wurde, wird heute reflexhaft bewertet – meist moralisch, selten rational.
So entsteht ein gefährlicher Automatismus:
Menschen definieren sich über politische oder moralische Identitäten („Ich bin Klimaschützer“, „Ich bin solidarisch“).
Wer die Gegenmeinung äußert, wird zur Bedrohung – und zur Projektionsfläche für Hass.
Bonelli nennt das eine narzisstische Kränkung, die zur Wutspirale führt.
3. Der digitale Pranger
In den sozialen Netzwerken wird diese Dynamik verstärkt.
Anonymität, Gruppendruck und algorithmische Echokammern führen zu einer Enthemmung, die Bonelli mit einem Rudelverhalten vergleicht:
Einer zeigt auf, die Masse folgt, und die Vernunft bleibt auf der Strecke.
„Man kann ja einen Menschen nicht mögen“, sagt Bonelli, „aber dass man sich hinsetzt und möglichst gemeine Dinge schreibt, nur um zu zerstören – das ist pathologisch.“
Hass im Netz ist in seiner Analyse keine Meinung, sondern eine Form der Selbstvergiftung.
4. Die Psychologie des Streits
Bonelli beobachtet ähnliche Muster in seiner Praxis – etwa bei Ehekonflikten.
Auch dort beginnt es mit Missverständnissen und endet in gezielten Verletzungen.
Wer einmal gelernt hat, die Impulse zu kontrollieren, kann den Kreislauf durchbrechen.
Der Schlüssel: innehalten, bevor man reagiert.
Das nennt Bonelli „Deeskalation“ – ein Konzept, das im Privaten funktioniert, aber in der Politik kaum noch Anwendung findet.
5. Humor als Gegengift
Trotz aller Diagnosen bleibt Bonelli optimistisch.
Er nennt Humor das beste Mittel gegen Hass – allerdings nicht, wenn man über andere lacht, sondern mit ihnen.
Humor löst Spannung und Distanz auf.
Er zitiert das Beispiel einer Patientin mit Angst beim Autofahren:
Wenn sie jemanden hinter sich hupen höre, solle sie einfach sagen: „Wieder einen Freund verloren.“
Lachen, sagt Bonelli, entgiftet den Hass.
6. Der natürliche Zyklus
Vielleicht erlebt unsere Gesellschaft gerade tatsächlich eine Form von Apoptose – ein Ende, das zugleich ein Neuanfang ist.
Denn wie Bonelli betont: Nach Rom kam etwas Neues.
Nach dem Tod kommt das Leben.
Und jedes System, das sich selbst zerstört, trägt auch den Keim für einen Neuanfang in sich.
Doch dieser Neuanfang kann nur gelingen, wenn wir lernen, zwischen Reiz und Reaktion wieder zu denken.
Quelle:
Rafael Bonelli im Gespräch mit Florian Schroeder – „Deutschlands Selbstzerstörung erinnert an das Ende des Römischen Reiches“
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