Deutschland kastriert sich selbst
Ein indischer Astrophysiker, Mayukh Panja, erklärt in der WELT, warum Deutschland an seiner eigenen Moral zerbricht – und warum das Land, das einst für Technik, Wissenschaft und Ingenieurskunst stand, heute Gefahr läuft, sich selbst aus der Geschichte zu schreiben.
Vom Vorbild zum abschreckenden Beispiel
Panja kam 2016 nach Göttingen.
Für ihn war Deutschland ein Vorbild: geordnet, rational, forschungsstark, präzise.
Ein Land, das Maschinen baute, die die Welt veränderten – und Wissenschaft förderte, die globale Maßstäbe setzte.
Neun Jahre später beschreibt er ein ganz anderes Land:
Eines, das sich aus Angst vor Fehlern selbst lähmt.
Eines, das Innovation mit Risiko verwechselt – und Risiko mit moralischem Fehlverhalten.
„Ich hatte die unglaubliche Möglichkeit mitzuerleben, wie sich ein Erste-Welt-Land durch eine Reihe politischer Fehlentscheidungen selbst verzwergt hat“, sagt Panja.
Seine Diagnose ist kein Angriff von außen, sondern der nüchterne Blick eines Forschers, der den Verfall miterlebt.
Die Angst vor Technik und Geld
„In meiner Akademiker-Blase war alles, was mit Geld zu tun hat, böse“, sagt Panja.
„Deutsche haben Angst vor Technik und Innovation.“
Was er beschreibt, ist mehr als nur eine Stimmung – es ist eine Mentalität.
In deutschen Universitäten, Behörden und Ministerien ist „Vorsicht“ zur Tugend geworden.
Man schützt sich vor allem – vor dem Fortschritt, vor der Verantwortung, vor der Zukunft.
Wer ein Unternehmen gründet, gilt als gierig.
Wer investiert, als verdächtig.
Und wer Erfolg hat, muss sich rechtfertigen.
Dabei war Deutschland einmal stolz auf Leistung.
Heute scheint Leistung ein Verdacht zu sein.
Moral statt Fortschritt
Panja kritisiert, dass Deutschland moralische Reinheit über alles stellt.
Er spricht von „moralisierenden, privilegierten Idioten“, die das Land ruinieren – weil sie glauben, Haltung könne Kompetenz ersetzen.
Man diskutiert lieber über das korrekte Gendern von Berufsbezeichnungen als über den Rückstand in Künstlicher Intelligenz.
Man feiert Gesetze gegen Plastikstrohhalme, während China komplette Industrien aufbaut.
Man schämt sich für CO₂-Emissionen, aber importiert Batterien, Chips und Solarmodule aus Ländern, die genau das Gegenteil tun.
Kurz gesagt: Deutschland redet, während andere handeln.
Kein Risiko ist das Ende
„Kein Risiko ist das Ende“, sagt Panja.
Diese fünf Worte sind vielleicht die treffendste Analyse der deutschen Gegenwart.
Denn wer kein Risiko eingeht, wird irgendwann irrelevant.
Innovation braucht Fehler.
Wohlstand braucht Mut.
Und Fortschritt braucht Menschen, die etwas wagen – auch wenn es schiefgehen kann.
Deutschland hat das vergessen.
Man hat sich an die Sicherheit gewöhnt, an die Planbarkeit, an den vermeintlichen Schutz des Staates.
Doch Sicherheit ohne Dynamik ist Stillstand – und Stillstand ist Rückschritt.
Zwischen Anspruch und Realität
Deutschland sieht sich selbst noch immer als technologisches Musterland.
Doch in Wahrheit ist die Realität längst anders:
- Bei KI dominieren die USA und China.
- Bei Energie importiert Deutschland Strom, den es selbst nicht mehr erzeugen darf.
- Bei Bildung sinkt die Qualität, während die Bürokratie wächst.
- Bei Infrastruktur sind die Schlaglöcher inzwischen sinnbildlich.
Das Land, das einst für Effizienz stand, ist heute ein Synonym für Umständlichkeit geworden.
Wenn Moral wichtiger wird als Leistung
Die Moral soll das Gewissen reinigen – aber sie ersetzt keine Kompetenz.
Und sie schützt nicht vor dem Abstieg.
Panja beschreibt kein fremdes Land, sondern eines, das sich selbst im Weg steht.
Das seine Stärken verleugnet, seine Leistungsträger vertreibt und seine Energie in Selbstgespräche verwandelt.
Wenn Moral wichtiger wird als Fortschritt,
wenn Haltung wichtiger wird als Handeln,
wenn Angst wichtiger wird als Mut –
dann ist der Niedergang unvermeidlich.
Fazit
Deutschland hat die Wahl:
Weiter moralisch glänzen – oder wieder praktisch werden.
Wieder denken, bauen, ausprobieren, scheitern – und daraus lernen.
Die Zukunft wartet nicht auf Bedenkenträger.
„Ich hatte die Möglichkeit mitzuerleben, wie ein Erste-Welt-Land sich selbst verzwergt“, sagt Panja.
Vielleicht ist das die bitterste Wahrheit:
Dass man den eigenen Niedergang nicht erst aus der Zeitung erfährt –
sondern täglich live erlebt.
Quelle: WELT – Warum ein indischer Astrophysiker Deutschland den Niedergang attestiert