Der Mythos vom „Asset Meltdown“ – Warum die Demografie die Kapitalmärkte nicht destabilisieren wird

Der Mythos vom „Asset Meltdown“ – Warum die Demografie die Kapitalmärkte nicht destabilisieren wird
Photo by Markus Spiske / Unsplash

Seit Jahren kursiert die These, der Ruhestand der Babyboomer werde einen massiven Verkaufsdruck auf Aktien- und Immobilienmärkte auslösen. Millionen Rentner würden ihre Depots liquidieren, während die nachfolgenden Generationen zu klein seien, um die Vermögenswerte aufzufangen. Die Folge: ein angeblich unausweichlicher „Asset Meltdown“.

Diese Vorstellung wirkt plausibel, ist aber weder theoretisch noch empirisch tragfähig. Die Datenlage, die Marktmechanik und die Struktur moderner Volkswirtschaften sprechen klar dagegen.


1. Ursprung der Theorie – und ihr erster großer Fehlalarm

Bereits 1989 prognostizierten Mankiw und Weil im US-Immobilienmarkt einen massiven Preisverfall, basierend auf der Annahme, dass die Nachfrage nach Häusern mit der Alterung der Babyboomer drastisch zurückgehen würde. Tatsächlich stiegen die Immobilienpreise weiter, befeuert durch Kreditexpansion, niedrige Zinsen und spekulatives Verhalten.

Der Fehler war grundlegend: Die Autoren unterschätzten die Bedeutung von Finanzierungskonditionen, Kapitalströmen und Geldpolitik – und überschätzten die Rolle bloßer Kohortengrößen.


2. Empirie: Keine signifikanten Zusammenhänge zwischen Demografie und Vermögenspreisen

Untersuchungen der G7-Länder zeigen keinen robusten statistischen Zusammenhang zwischen demografischen Veränderungen und Renditen auf Aktien oder Anleihen. Wäre die Theorie korrekt, müsste Japan – das Land mit der ältesten Bevölkerung der Welt – seit Jahren unter zusammenbrechenden Vermögenspreisen leiden. Das Gegenteil ist der Fall: Staatsanleihen sind stabil nachgefragt, und der Aktienmarkt hat sich trotz struktureller Herausforderungen erholt.


3. Der zentrale Denkfehler: Kapital ist kein „Mais“

Die Asset-Meltdown-Theorie beruht implizit auf einer vereinfachten Realgüterlogik („Corn-Fallacy“). Sparen wird darin als Lagerung eines physischen Guts verstanden, das im Alter konsumiert und dadurch knapp wird.

In einer Geldwirtschaft funktioniert das anders:
Wenn Rentner Vermögenswerte verkaufen, erhalten sie Geld, das sie für Konsum verwenden. Dieser Konsum erzeugt Nachfrage, Unternehmensumsätze und Gewinne. Unternehmensgewinne sind langfristig der wichtigste Treiber von Aktienkursen.

Der Entsparprozess wirkt daher stabilisierend statt destabilisierend.


4. Effiziente Märkte preisen Demografie längst ein

Die Alterungsstruktur moderner Gesellschaften ist seit Jahrzehnten bekannt und eindeutig prognostizierbar. Ein demografisch bedingter Preisverfall wäre daher längst eingetreten, wenn er unausweichlich wäre.

Dass die Märkte heute nahe Allzeithochs notieren, spricht deutlich gegen ein solches Szenario.
Demografie ist ein langsamer, transparent vorhersehbarer Faktor – und damit bereits in die Preise eingepreist.


5. Warum der deutschsprachige Anleger besonders wenig Risiko trägt

Das US-Rentensystem basiert auf kapitalmarktbasierten Alterskonten, die im Ruhestand tatsächlich verkauft werden. In Deutschland, Österreich und der Schweiz hingegen besitzen die meisten Menschen nur geringe Aktienquoten. Vermögen besteht überwiegend aus Immobilien, Lebensversicherungen und gesetzlichen Rentenansprüchen.

Die Folge:
Deutsche Rentner können den Aktienmarkt kaum unter Druck setzen, weil sie wenig Aktien halten.

Das eigentliche demografische Risiko liegt im Umlageverfahren der gesetzlichen Rente, nicht im Kapitalmarkt.


6. Warum eher ein „Asset Meldup“ als ein „Meltdown“ wahrscheinlich ist

Drei strukturelle Kräfte wirken stabilisierend oder preistreibend:

6.1. Globale Kapitalströme

Kapital ist international mobil. Käufer von Vermögenswerten stammen zunehmend aus jungen, wachsenden Volkswirtschaften.

6.2. Kapitalvertiefung durch Arbeitskräftemangel

Knappheit an Arbeitskräften führt zu Investitionen in Automatisierung, Robotik und Software. Der Kapitalstock pro Arbeitnehmer steigt, ebenso die Produktivität und langfristig die Kapitalrenditen.

6.3. Finanzielle Repression und niedrige Realzinsen

Hohe Staatsverschuldung erhöht den politischen Druck auf niedrige Zinsen. Das begünstigt strukturell höhere Bewertungen von Sachwerten.


7. Die eigentliche Gefahr: Vermögenspreisinflation, nicht Vermögenspreisverfall

Für jüngere Generationen ist der wahrscheinliche Pfad nicht ein plötzlicher Preissturz, sondern steigende Vermögenspreise bei gleichzeitig sinkenden realen Renditen sicherer Anlagen.

Wer keine Vermögenswerte besitzt, verliert Kaufkraft.
Wer investiert, profitiert.

Investieren wird damit nicht zur Spekulation, sondern zu einer ökonomischen Notwendigkeit, um sich vom nationalen demografischen Risiko der umlagefinanzierten Rente zu entkoppeln.


Fazit

Die Asset-Meltdown-Hypothese hält der theoretischen Analyse und der empirischen Evidenz nicht stand. Sie basiert auf überholten Modellen, ignoriert globale Kapitalmärkte und verkennt die Funktionsweise moderner Geldwirtschaften.

Der demografische Wandel ist real, aber seine Folgen treffen primär staatliche Rentensysteme – nicht die globalen Kapitalmärkte.
Für langfristige Anleger bleibt der Kapitalmarkt ein stabiles Fundament, gerade in alternden Gesellschaften.