Der Mensch ist der Zyklus

Der Mensch ist der Zyklus
Photo by Sigmund / Unsplash

Ich beobachte Bitcoin jetzt schon seit Jahren, und diesmal ist es wieder dasselbe Muster.
Am Anfang sind alle skeptisch. Dann fängt der Kurs an zu laufen – von 15.000 auf 20.000, dann 40.000, 80.000, 100.000 und schließlich 125.000 Dollar.
Und mit jedem neuen Hoch wächst die Euphorie – und leider auch die Gier.
Die Euphorie und die Dummheit der Menschen sind unermesslich.

Das Fatale an Bitcoin ist: Wenn man ihn versteht, denkt man, das ist so genial – das muss doch jetzt auf mehrere Millionen gehen!.
Weil man die Logik verstanden hat, glaubt man, sie müsse sich sofort im Kurs zeigen.
Nur: Wenn du einen Markt gerade erst verstanden hast, gibt es viele andere, die ihn schon viel früher verstanden haben – und die nutzen deine Euphorie, um zu verkaufen.

In deiner Welt muss es dann nur noch hochgehen, weil du erkannt hast, dass Bitcoin begrenzt ist.
Aber wer schon länger dabei ist, weiß: So einfach ist das nicht.
Erfahrene Hodler und Investoren lassen sich von der Euphorie nicht mehr anstecken.
Sie haben diesen Instinkt, dieses Gespür für späte Zyklen.

Man merkt es besonders gut auf Twitter – oder X, wie es jetzt heißt.
Sobald man das Wort Verkaufen in den Mund nimmt, wird man sofort angegangen.
Viele sind unglaublich angespannt.
Und genau das ist in meinen Augen ein gutes Zeichen – ein Zeichen, dass wir uns wirklich in einer späten Bullenphase befinden.

Das heißt nicht, dass der Kurs nicht noch einmal hochschießen kann.
Vielleicht sehen wir 150.000, 160.000 oder sogar 180.000 Dollar.
Aber das wird – wenn überhaupt – nur ein kurzer Peak sein.
Ein paar Tage, vielleicht eine Woche.
Ganz wenige werden in dieser Zeit ihre Gewinne realisieren können,
weil die Liquidität oben extrem dünn ist.
Diese letzten Übertreibungen sind der Moment,
in dem die Lawine ins Rollen kommt.

Die 100.000-Linie war in den letzten Monaten so etwas wie ein Fundament.
Doch wenn es noch einmal stark nach oben geht,
dann ist das meist der letzte Schub vor der Marktbereinigung.
Und danach kommt das, was immer kommt:
Ein neues Tief – nur diesmal auf einem höheren Niveau.

Das Schöne an Bitcoin ist:
Die Tiefs werden mit jedem Zyklus höher.
Wenn das letzte Tief bei 15.000 Dollar lag,
könnte das nächste vielleicht bei 30.000 liegen.
Das können sich viele, die erst seit ein, zwei oder drei Jahren dabei sind, kaum vorstellen.
Aber genau das ist die Natur dieses Marktes:
Er steigt nicht linear, er reinigt sich in Wellen.

Ich stelle mir das manchmal wie einen Raum vor, in dem Menschen kommen und gehen.
Eine Zeit lang strömen alle hinein – die Luft wird warm, laut, aufgeregt.
Dann fangen die Ersten an, wieder hinauszugehen.
Einige merken es, andere nicht.
Manche drängen noch nach, um „nichts zu verpassen“.
Und irgendwann steht man auf der Türschwelle –
hinter einem das Gedränge, vor einem die frische Luft.
Genau da stehen wir jetzt: auf der Schwelle zwischen Euphorie und Ernüchterung.

Über Einfluss und Eigenverantwortung

Man sollte sich in solchen Phasen auch nicht zu sehr von Influencern leiten lassen.
Viele von ihnen verstehen Bitcoin tatsächlich zu 100 Prozent – sie wissen genau, wie das System funktioniert.
Aber sie befinden sich in einem eigenen Kreislauf aus Aufmerksamkeit, Reichweite und Abhängigkeit.

Wenn jemand auf YouTube ein großes Publikum aufgebaut hat, vielleicht sogar eine Firma mit Angestellten dahinter, dann lebt er davon, dass die Stimmung positiv bleibt.
Er kann sich gar nicht leisten zu sagen:

„Vielleicht wäre jetzt ein guter Moment, um Gewinne mitzunehmen.“

Denn sobald er das sagt, bricht die Euphorie in seiner Community ein – und mit ihr die Klickzahlen.
Das ist keine Böswilligkeit, das ist ein Systemzwang.
Das Narrativ „Hodl um jeden Preis“ hält die Zuschauer bei der Stange, auch wenn der Markt längst in eine späte Phase übergeht.

Wer neu im Markt ist, hängt emotional oft an diesen Stimmen.
Man hat ein paar tausend Euro investiert, die Position ist vielleicht 80 Prozent im Minus,
und man sucht Trost.
Man konsumiert jedes neue Video, jede Analyse – in der Hoffnung, bestätigt zu werden.
Das ist menschlich.
Aber genau darin liegt die Gefahr:
Man hört auf, selbst zu fühlen, und folgt nur noch der Meinung anderer.

Ich finde, jede Investitionsentscheidung sollte aus einem selbst heraus kommen.
Nicht, weil jemand auf YouTube oder in einem Artikel etwas gesagt hat.
Auch nicht, weil du gerade diesen Text hier liest.
Ein guter Investor erkennt, wann er eine Entscheidung aus innerer Ruhe trifft –
und wann aus Angst oder Hoffnung.

Das schließt Fehler nicht aus.
Aber wenn du dich täuschst, lernst du wenigstens aus deiner eigenen Erfahrung,
nicht aus fremder Rhetorik.

Und wer im Leben sensibel geworden ist – vielleicht, weil er früh gelernt hat, feine Antennen zu haben –,
der kann genau das in solchen Märkten als Stärke nutzen.
Wenn du dich auf Empfang schalten kannst, ohne dich von Emotionen mitreißen zu lassen,
dann nimmst du den Markt nur noch als Information wahr.
Du kannst aussteigen, wenn andere noch feiern –
und wieder einsteigen, wenn die Stimmung am Boden ist.
Das ist kein Widerspruch, das ist Reife.

Fazit

Erfahrene Investoren wissen das.
Sie sichern regelmäßig Gewinne,
auch auf die Gefahr hin, zu früh zu verkaufen.
Den perfekten Ausstieg gibt es ohnehin nicht –
schon weil es oben gar nicht genug Liquidität gibt,
damit alle gleichzeitig rauskommen.

Profi-Investoren steigen aus, wenn das Fundament noch liquide ist.
Nicht, wenn schon alle schreien, dass es ewig weitergeht.

Und genau das – dieser Instinkt, rechtzeitig loszulassen –
ist das, was die meisten erst nach mehreren Zyklen wirklich lernen.