Berkshire Hathaway vor dem größten Umbruch seit Jahrzehnten
Warum die aktuelle Personalrochade weit mehr ist als eine Randnotiz – und welche Chancen darin liegen
Berkshire Hathaway galt über Jahrzehnte als das stabilste Unternehmen der Welt. Eine Festung, gebaut auf den Prinzipien, der Disziplin und der außergewöhnlichen Reputation von Warren Buffett. Veränderungen waren selten, und wenn sie kamen, dann langsam, organisch und mit einer Ruhe, die im Finanzsektor ihresgleichen suchte.
Doch genau diese Ära endet gerade – nicht abrupt, aber unübersehbar.
Die jüngsten Entwicklungen markieren den tiefsten strukturellen Wandel innerhalb des Konzerns seit Generationen. Drei Personalentscheidungen bilden den Kern dieser Zäsur:
- Todd Combs verlässt Berkshire
- Finanzvorstand Marc Hamburg geht in den Ruhestand
- Berkshire schafft erstmals die Position eines General Counsel
Diese drei Punkte zusammen sind kein Zufall. Sie stehen für den Übergang von der Buffett-Ära in ein neues, institutionelleres Zeitalter.
Der Abschied von Todd Combs
Todd Combs galt über viele Jahre als einer der designierten Nachfolger für Buffetts Rolle im Investmentbereich. Er war nicht nur ein Portfolio-Manager, sondern eine der Figuren, die künftig einen Teil des legendären Berkshire-Investmentstils in die Zukunft tragen sollten.
Sein Weggang bedeutet daher weit mehr als eine Personalentscheidung. Er zeigt, dass der originale Nachfolgeplan, den Buffett selbst noch gezeichnet hatte, heute nicht mehr gilt. Berkshire wird sich bei seinen künftigen Investments neu ausrichten müssen. Die Ära des angedachten Duos Combs und Weschler ist vorbei, bevor sie begonnen hat.
Das Ende einer Finanzarchitektur: Marc Hamburg tritt ab
Seit 1992 war Marc Hamburg der CFO von Berkshire Hathaway. Drei Jahrzehnte finanzielle Kontinuität, in denen er maßgeblich zur Stabilität des Konglomerats beitrug. Hamburg war nicht nur Finanzchef, sondern ein interner Architekt des Erfolgs, dessen konservative Finanzkultur tief im Unternehmen verankert ist.
Mit seinem Ruhestand verliert Berkshire einen großen Teil seines institutionellen Gedächtnisses. Ein CFO-Wechsel nach dieser langen Ära verändert zwangsläufig die internen Abläufe, die Berichtskultur und die Dynamik der Entscheidungsfindung.
Der erste General Counsel – ein sichtbarer Kulturwandel
Dass Berkshire zum ersten Mal in seiner jahrzehntelangen Geschichte einen General Counsel bestellt, ist ein symbolischer Schritt. Die Rolle des obersten Unternehmensjuristen existierte bisher schlicht nicht. Buffett vertraute auf Dezentralität, Integrität und persönliche Beziehungen, nicht auf formalistische Strukturen.
Mit einem General Counsel beginnt nun eine neue Phase der Professionalisierung: Governance, Regulatorik, juristische Risiken und Compliance rücken stärker in den Fokus. Für ein Konglomerat dieser Größe ist das ein überfälliger Schritt.
Es ist zugleich ein Signal: Berkshire stellt sich bewusst auf die Zeit nach Warren Buffett ein.
Das größere Bild: Die stille Machtübergabe
Alle drei Schritte – der Abgang von Combs, der Rückzug Hamburgs und die Einführung eines General Counsel – fügen sich zu einem klaren Muster:
Berkshire wandelt sich von einem charismatisch geführten Konglomerat hin zu einem professionell strukturierten Großkonzern.
Greg Abel, der ab 2026 offiziell CEO wird, baut sich sein eigenes Fundament. Die Strukturen, die er jetzt etabliert, werden bestimmen, wie Berkshire in den nächsten Jahrzehnten funktioniert. Weniger Buffett-DNA, mehr institutionelle Stabilität.
Das muss nicht schlechter sein. Aber es ist definitiv anders.
Die andere Seite: Welche Chancen der Umbruch eröffnet
So tiefgreifend der aktuelle Wandel auch ist – er ist nicht nur Risiko. In mehreren Bereichen entsteht Potenzial, das Berkshire in der Buffett-Nachfolge sogar stärken könnte.
Professionalisierung erhöht die strukturelle Stabilität
Buffetts antibürokratischer Führungsstil war genial, aber an seine Person gebunden. Ein Unternehmen dieser Größe benötigt im 21. Jahrhundert klarere juristische und organisatorische Leitplanken. Ein General Counsel verbessert:
- rechtliche Robustheit
- Risikomanagement
- regulatorische Widerstandskraft
Damit wird Berkshire weniger anfällig für externe Schocks.
Ein operativ stärkeres Führungsteam
Greg Abel ist operativ deutlich tief in den Unternehmen verankert und gilt als analytisch schneller, moderner und strukturierter als Buffett in seinen späteren Jahren. Das eröffnet Chancen für:
- effizientere Prozesse
- bessere Nutzung von Daten
- schnellere Entscheidungswege
- höhere operative Erträge
Die operative Berkshire-Welt könnte unter Abel sogar profitabler werden.
Moderne Dezentralität
Die typische Berkshire-Dezentralität bleibt erhalten, aber sie erhält nun einen Rahmen, der Risiken reduziert. Autonomie bleibt ein Vorteil, wird aber mit klareren Kontrollmechanismen kombiniert.
Flexiblerer Investmentstil
Die Nachfolger müssen nicht an Buffetts Dogmen gebunden bleiben. Ein moderneres Investmentteam könnte:
- neue Branchen öffnen
- schneller Chancen nutzen
- diverser und technologischer investieren
Das kann langfristig den inneren Wert steigern.
Wegfall des Key-Person-Risikos
Bisher lebte Berkshire mit einem systemischen Risiko: dem Tag, an dem Buffett fehlt. Jeder wusste, dass dieser Moment kommt. Die aktuelle Neustrukturierung reduziert dieses Risiko sichtbar.
Ein Unternehmen, das nicht mehr an eine Einzelperson gebunden ist, kann langfristig höher bewertet werden.
Kulturelle Erneuerung
Neue Führungskräfte bedeuten neue Ideen, neue Perspektiven und neue Chancen. Gerade nach Jahrzehnten eines stabilen, aber statischen Führungsstils kann das für Innovation sorgen.
Fazit
Berkshire Hathaway steht am Beginn der größten Transformation seit seiner Entstehung als moderner Konzern. Die Abgänge von Todd Combs und Marc Hamburg sowie die Einführung eines General Counsel markieren das Ende der alten Buffett-Welt. Gleichzeitig öffnen sie die Tür zu einer neuen Phase, in der Berkshire strukturierter, professioneller und langfristig resilienter werden kann.
Die Umbrüche sind kein Zeichen von Zerfall, sondern Teil einer notwendigen Übergangsarchitektur. Berkshire entwickelt sich weiter – und dieser Wandel birgt Risiken, aber auch erhebliche Chancen.