Altersvorsorgedepot 2.0 – wie Deutschland die private Vorsorge ein zweites Mal verkorkst

Altersvorsorgedepot 2.0 – wie Deutschland die private Vorsorge ein zweites Mal verkorkst

Mit dem staatlichen Altersvorsorgedepot soll die private Altersvorsorge in Deutschland modernisiert werden. Mehr Kapitalmarkt, mehr Rendite, mehr Sicherheit – so lautet das politische Versprechen.

Ein Blick auf die konkrete Ausgestaltung zeigt jedoch:
Die bekannten Fehler früherer Vorsorgeprodukte werden nicht korrigiert, sondern erneut institutionalisiert.

Nach Riester ist dies der zweite grundlegende Fehlstart.


Die harten Fakten – ohne Interpretation

Einzahlung und Förderung

  • Maximale Einzahlung: 1.800 € pro Jahr
  • Staatliche Förderung: ca. 480 € pro Jahr (≈ 40 € pro Monat)
  • Steuerlich absetzbar (Single): bis ca. 2.280 €
  • Höhere Einzahlungen: kein zusätzlicher Steuervorteil

Die Förderung ist absolut gedeckelt und skaliert weder mit Einkommen noch mit Vermögen.


Anlageuniversum (regulatorisch eingeschränkt)

Nicht zulässig sind unter anderem:

  • Einzelaktien
  • Kryptowährungen und Krypto-ETPs
  • Edelmetall-ETCs
  • zahlreiche Sektor-, Themen- und Faktor-ETFs
  • Produkte höherer Risikoklassen

Zugelassen sind im Wesentlichen breit gestreute, regulatorisch genehmigte Fondsprodukte.


Kapitalbindung und Auszahlung

  • Zugriff erst zum gesetzlichen Rentenalter
  • Gesetzliches Rentenalter: politisch variabel
  • Maximal 30 % Einmalauszahlung
  • Mindestens 70 % verpflichtend zu verrenten
  • Alternativ: Auszahlplan bis mindestens zum 85. Lebensjahr
  • Erträge bei Auszahlung steuerpflichtig

Der überwiegende Teil des Kapitals bleibt langfristig gebunden.


Opportunitätskosten – der unsichtbare Hauptverlust

Die größte ökonomische Schwäche des Altersvorsorgedepots taucht in keiner Kostenübersicht auf.

Durch den Ausschluss von Einzelaktien ist es unmöglich, gezielt in Unternehmen zu investieren, die historisch den größten Beitrag zum langfristigen Vermögensaufbau geleistet haben. Langfristige Beteiligungen an erfolgreichen Unternehmen waren über Jahrzehnte der wichtigste Renditetreiber privater Vermögen.

Diese entgangene Rendite ist kein theoretisches Risiko.
Sie ist der reale Preis dieses Modells.


ETFs unter politischem Filter

ETFs sind effiziente Instrumente, solange sie marktbasiert konstruiert sind.
Im Altersvorsorgedepot unterliegen sie jedoch einer Positivliste und regulatorischen Kriterien.

Langfristig führt das zu:

  • steigender Gleichförmigkeit
  • sinkender Innovationsbeteiligung
  • geringerer Renditedifferenzierung

Das Risiko wird nicht eliminiert, sondern verlagert:
von kurzfristiger Volatilität zu struktureller Renditeschwäche.


Mini-Förderung, Maxi-Bindung

Ökonomisch ergibt sich ein klares Missverhältnis:

  • begrenzte Förderung
  • jahrzehntelange Kapitalbindung
  • eingeschränkte Verfügbarkeit
  • Zwang zur Verrentung

Die staatliche Förderung kompensiert weder die eingeschränkte Freiheit noch die entgangene Rendite.


Die naheliegende Lösung, die bewusst nicht gewählt wurde

Eine funktionierende Reform der privaten Altersvorsorge wäre vergleichsweise einfach gewesen.

Die logische Konsequenz: Jedes bestehende Aktiendepot bei Banken und Brokern hätte auf Wunsch in ein steuerlich privilegiertes Altersvorsorgedepot umgewidmet werden können.

Ein solches Modell hätte klaren Regeln folgen können:

  • Keine Abgeltungssteuer, solange das Kapital im Depot verbleibt
  • Steuerneutrale Umschichtungen innerhalb des Depots
  • Freie Auszahlung ab einem definierten Alter (z. B. 60 Jahre)
  • Reguläre Besteuerung erst bei Entnahme

Dieses Modell hätte:

  • keine neuen Produkte benötigt
  • keine Positivlisten
  • keine Anlageverbote
  • keine Zwangsverrentung

Vor allem aber hätte es Bürger als mündige Kapitalmarktteilnehmer behandelt.


Warum dieser Weg nicht gegangen wurde

Stattdessen wurde ein eng reguliertes Parallelkonstrukt geschaffen:
mit eingeschränktem Anlageuniversum, politischer Steuerung und hoher Kapitalbindung.

Das ist kein technisches Versäumnis.
Es ist eine bewusste Systementscheidung.

Ein offenes Altersvorsorgedepot auf Basis bestehender Aktiendepots hätte bedeutet:

  • echte Anlagefreiheit
  • unternehmerische Beteiligung
  • langfristigen Vermögensaufbau
  • geringere staatliche Kontrolle

Genau das scheint unerwünscht.


Parallelen zur Riester-Rente

Die Muster sind bekannt:

  • staatliche Steuerung statt Eigenverantwortung
  • komplexe Regeln
  • begrenzte Attraktivität
  • hohe Bindung
  • politisches Risiko beim Bürger

Auch Riester war gut gemeint und schlecht konstruiert.
Das Ergebnis ist bekannt.

Das Altersvorsorgedepot folgt demselben Ansatz – mit moderner Verpackung.


Vom Dilettantismus zur Systemfrage

Spätestens nach Riester kann fehlendes Finanzwissen nicht mehr als Erklärung dienen.

Wenn trotz jahrzehntelanger Erfahrung erneut ein Produkt entsteht, das:

  • Rendite begrenzt
  • Freiheit einschränkt
  • Opportunitätskosten ignoriert
  • politisches Risiko verlagert

dann ist das kein Zufall mehr.

Der Eindruck drängt sich auf, dass Vermögensaufbau nicht gefördert, sondern kontrolliert werden soll – nicht offen, sondern über enge regulatorische Leitplanken.


Fazit

Das staatliche Altersvorsorgedepot löst kein Vorsorgeproblem.
Es institutionalisiert es.

Begrenzte Förderung, eingeschränkte Anlagefreiheit, hohe Opportunitätskosten und politische Unsicherheit führen zu einem Produkt, das weder Rendite noch Selbstbestimmung maximiert.

Nach Riester ist dies der zweite Versuch, private Altersvorsorge staatlich zu steuern –
und der zweite Beleg dafür, dass Regulierung Vermögensaufbau nicht ersetzen kann.